animiertes gif Kreise
Gesellschaft für Philosophische Kultur e.V.

Linie


Was ist gelingendes Leben?


Streben nicht alle Menschen nach Selbstverwirklichung und Übereinstimmung?


Aber da wir alle Individuen und als solche alle anders sind,

erscheinen Selbstverwirklichung und Übereinstimmung nicht selten als unvereinbar.


Wir entdecken also eine unhintergehbare Differenz im menschlichen Dasein.


Es stellt sich die Frage,

wie wir mit diesem Dilemma angemessen umgehen,

denn eliminieren können wir es nicht,

oder nur um den Preis der grenzenlosen Selbstaufgabe oder herrischen Selbstsetzung.


Dieses Spiel kennen wir z.B. aus den veralteten Rollenklischees:

Männliche Arroganz als vereinnahmende Selbstsetzung ergänzte sich in schöner Eintracht

mit der aufopfernden weiblichen Hingabe, der potentiellen Selbstaufgabe.


Um der lieben Übereinstimmung willen

wird hier die Differenz auf Kosten der eigenen Individualität getilgt,

dort die Differenz auf Kosten der fremden Individualität unterschlagen.


Naja, das haben wir weitestgehend hinter uns,

aber das Spannungsverhältnis zwischen Identitäts- und Individualstreben

bleibt uns im Wesentlichen erhalten.


Der Schmerz der Subjektwerdung kann sich nur

als Anerkennung eigener und fremder Individualität gestalten.

Gleichzeitig bleibt Verstehen und Verständnis unser Wunsch.


Es fragt sich, wie wir weder zum Sklaven unserer Sehnsucht nach Verständigung werden

noch zum selbstherrlichen Egomanen verkommen.


Wilhelm Humboldt war der Erste,

der die Bedingungen bestimmt hat,

die der „Verschiedenheit der Köpfe“ und

dem „Kopf des Menschen“ überhaupt

gerecht werden können.


In der Sprache findet er den Ort der produktiven Vermittlung

der scheinbar gegensätzlichen Bestrebungen nach Identität und Individualität.


Sprache realisiert sich aufgrund der „Verschiedenheit der Köpfe“

als verschiedene Sprachen und verschiedenes Sprechen.

Sprache spiegelt Welt gebrochen wieder,

gebrochen durch historische, traditionelle, soziale und individuelle Vorstellungen.

Diese Brechung gilt es nicht als Quelle der Verfehlung zu diffamieren,

sondern als Eröffnung eines vielfältigen Reichtums.


„Alles Sprechen, von dem einfachsten an,

ist ein Anknüpfen des einzeln Empfundenen

an die gemeinsame Natur des Menschen.“


Es ist die subjektiv-objektive Leistung der Sprache „in einem Punkt“

Empfindung als subjektive Wahrnehmung von Welt und allgemein verfügbare Worte und Laute zu bündeln.

Die subjektive Vorstellung wird in „wirkliche Objectivität“ –

das hörbare oder lesbare Wort – hinüberversetzt,

ohne darum der Subjektivität entzogen zu werden.


Sind wir schon am Ende unserer Überlegungen?

Das Subjekt bringt seine Empfindung zur Sprache,

schon dies ein Akt, in dem Individuelles und Allgemeines zusammenkommt.

Selbstverwirklichung erscheint im Sprechen zugleich als Übereinstimmung.


So einfach ist es leider nicht:

Identität von Empfindung und Sprache bleibt unendliche Aufgabe,

weil „die Empfindung (immer wieder) auf diese Weise noch nicht Gefühltes (wahrnimmt)“

und so um sprachlichen Ausdruck ringen muss.


Selbst wenn wir Humboldts Forderung nachkommen, alles,

„was nur irgend innerlich wahrgenommen und empfunden wird,

auch äusserlich mit Laut zu umkleiden“,

bleibt uns ein Problem:


„Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andre,

und die noch so kleine Verschiedenheit zittert,

wie ein Kreis im Wasser,

durch die ganze Sprache fort.

Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen,

alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen

zugleich ein Auseinandergehen.“


Was für die Verständigung mit anderen gilt,

trifft auch auf den inneren Monolog zu.

Wer kennt es nicht,

das Gefühl nicht die treffenden, passenden Worte zu finden?!


Nietzsche hat dieses Problem zugespitzt formuliert,

indem er darauf aufmerksam macht,

dass wir ständig im außermoralischen Sinne lügen,

wenn wir sprechen.


Denn, so Nietzsche, unsere Empfindungen, Wahrnehmungen und Worte

sind mehrdeutig, bedeutsam, aber nicht eindeutig.

Kaum haben wir etwas entdeckt und ausgedrückt,

verschieben sich Nuancen und wollen wieder neu ausgedrückt werden.


Der Teufel steckt im Detail, heißt es.

Tatsächlich aber handelt es sich hier um das Individuum,

dessen Teufelsgestalt aus der Perspektive der völligen Übereinstimmung stammt.

Die aber ist allen Menschen wesentlich und

somit keine moralisch zu klassifizierende Verwerfung.


Die Sprache als Ausdruck dieser Differenz im verschiedenen Sprechen ist gleichzeitig im

(Miteinander)sprechen Medium der Übereinstimmung.


Sprache hält und überwindet die Differenz und

ist somit gleichzeitig individuell und allgemein.


Sprechen und Verstehen denkt Humboldt wie ein körperliches Liebesgeschehen,

darin Schiller ähnlich, der ein bemerkenswertes Epigramm zur Sprache verfasst hat:


Lass die Sprache dir seyn, was der Körper den Liebenden; er nur

Ists, der die Wesen trennt und der die Wesen vereint.


Wo die Liebe hinfällt, ist unbestimmbar,

bestimmbar sind jedoch die allgemeinen Entstehungsbedingungen der Liebe,

nämlich „eine unruhevolle Sehnsucht“, die schließlich dahin führt, „dass das Subjekt sich selbst gern für die neue Schöpfung hingeben möchte.“


Zugrundeliegende Kraft der Liebe ist Sehnsucht als Hingabe, die damit etwas Neues kreiert.


Die Analogie zum „gegenseitigen Zeugen und Empfangen ... in der Körperwelt“ verdeutlicht,

dass das Erzeugnis, „der Sprössling der Sinnlichkeit“, „das geistige Product“, immer ein neues Wesen, eine neue Verbindung darstellt.


Nach Humboldt bedarf Verstehen

einer „harmonisch stimmenden Anregung“ des Hörers durch den Sprecher,

so dass beide „dieselbe Taste ihres geistigen Instruments anschlagen“.

Es handelt sich also um ein Gleichstimmen,

indem „sie gegenseitig ineinander dasselbe Glied der Kette ihrer sinnlichen Vorstellungen und inneren Begriffserzeugungen berühren“.

Nur im Anschluss an eine derart geglückte Einstimmung ist eine Übereinstimmung möglich,

allerdings nicht und nie als vollständige.


„Nichts überhaupt reizt den Menschen so an, als Fremdartigkeit, in der er doch tiefer verschlossene Übereinstimmung ahndet.“


Die Herausforderung, die in der Erfahrung der Fremdähnlichkeit liegt,

macht Motivation und Anstrengung des Verstehens aus.

Verstehen als Verführung,

beruht auf „Anregung“ und Ein„Stimmung“ sowie

auf Hingabe als Aufgeschlossenheit für Ähnliches am Fremden.


Gadamer drückt sich etwas prosaischer aus, wenn er feststellt, dass

„man nicht verstehen kann, ohne verstehen zu wollen,

d.h. ohne sich etwas sagen lassen zu wollen“.


„Eine Art Sinnerwartung regelt vielmehr von Anfang an die Bemühung um Verständnis.

Was so von aller Rede gilt, gilt aber in eminenter Weise von der Erfahrung der Kunst.

Hier ist mehr als Sinnerwartung, hier ist,

was ich Betroffenheit von dem Sinn des Gesagten nennen möchte“.


„Die Vertrautheit, mit der das Kunstwerk uns anrührt,

ist zugleich auf rätselhafte Weise Erschütterung und Einsturz des Gewohnten.

Es ist nicht nur das „Das bist Du“,

das es in einem freudigen und furchtbaren Schreck aufdeckt –

es sagt uns auch, „Du musst Dein Leben ändern!“


Mit diesem neuen und anziehend Fremden zu gehen,

bedeutet nicht sich aufzugeben,

aber es verlangt eine intensive Zuwendung,

die freiwillig deshalb geschieht, weil kein äußerer Zwang besteht,

die nichtsdestoweniger bannend ist, weil es wie ein innerer Sog gespürt wird.


Dem nachzugeben,

heißt nicht sich verlieren,

sondern sich dem widmen, was mir in einem tieferen Sinne gefällt.


Fremdheit kann nicht vollends entschlüsselt werden,

aber die fremde, sprachlich ausgedrückte Empfindung tut sich dem kund,

der durch die aufmerksame Kenntnisnahme des gesprochenen Wortes

sein eigenes Empfindungsvermögen entzünden lässt.


Es mündet also in der Aufforderung

den Mut zu haben,

verführbar zu bleiben und

seinen Empfindungen zu vertrauen.


Wir sind aber auch kein unbeschriebenes Blatt:

In der Art, wie diese Empfindungen in uns wirken,

kommen wir selber ins Spiel.

Was dem einen gefällt,

mag den anderen wenig ansprechen

oder ihm etwas anderes sagen.


Zurück zur Ausgangsfrage:

Wie steht es um die Möglichkeiten von Selbstverwirklichung und Übereinstimmung?


Es gibt sie - „jetzt und nie“,

es bleibt ein transitorisches, vorübergehendes Geschehen.

Der Augenblick bekommt eine neue Würde.


Fortgesetzte Sinnerwartung schützt vor Depression und

die nicht fortdauernde Übereinstimmung

könnte auch mal als Moment der Freiheit in den Blick genommen werden.


Offenheit und Verführbarkeit avancieren zu ethischen Tugenden,

Aufmerksamkeit, Hingabe und Genauigkeit ebenso,

denn nur diese Haltung ermöglicht Verstehen.

Was für die Mitmenschen gilt,

gilt auch fürs Individuum.


Wer schweigt,

bleibt als Individuum auf der Strecke.

„Rede, dass ich dich sehe“,

forderte Hamann

und verweist damit auf die Notwendigkeit

der sprachlichen Entäußerung.


Eindeutigkeitspostulate und Harmoniesucht aber bekommen etwas Lästerliches,

denn der Ausfall der Differenz bedeutet Hölle oder Paradies,

aber nicht unser Leben,


Müssen wir damit alle romantischen Vorstellungen von Liebe

als höchster Form der Übereinstimmung über Bord werfen?

Wohl kaum, aber hysterische Reaktionen auf Differenzen diskreditieren sich,

denn diese gehören dazu.

Ob es sich um die unhintergehbare Differenz oder

um einen Interessenkonflikt handelt,

ist der Urteilskraft jedes Einzelnen anheim gestellt.


Bleibt Selbstverwirklichung eine Chimäre?

Nicht dem, der sich lebendig hält.

Verwerflich wären nur Stillstand, Abstumpfung,

da immer neue Empfindungen ans Licht drängen.

Aufrichtig und unverstellt sind wir nicht,

wenn wir pedantisch am einmal gegebenen Wort festhalten,

sondern wenn wir unseren wechselnden Empfindungen folgen,

uns gegenwärtig halten.

Ob wir unser Leben ändern müssen oder

nur kleine Korrekturen vornehmen,

können nur wir allein beurteilen und nur,

indem wir unsere Empfindungen befragen.


Ein empfindungsgemäßes Leben zu führen

bleibt eine lebenslange spannende Herausforderung.


„Freude aus Verunsicherung ziehn – wer hat uns das denn beigebracht!“

bemerkt Christa Wolf in ihrer Arbeit am Kassandra-Mythos.

Die Dichtung und ihr anziehende Wirkung, ließe sich nun sagen.


Da wir Differenz im wirklichen Leben immer wieder als

Schmerz und Zerrissenheit erleben,

seien die Künste als Refugium empfohlen,

in denen wir die Differenz als schön empfinden können.


Das Trennende wird dort als das Verbindende,

das Schmerzhafte als das allen Gemeinsame erfahrbar und dadurch versöhnt.


Also schließe ich mit einem Gedicht von Hilde Domin,

der Dichterin des „Dennoch“.


Bitte


von Hilde Domin


Wir werden eingetaucht

und mit den Wassern der Sintflut gewaschen

Wir werden durchnässt

bis auf die Herzhaut


Der Wunsch nach der Landschaft

diesseits der Traumgrenze

taugt nicht

der Wunsch den Blütenfrühling zu halten

der Wunsch verschont zu bleiben

taugt nicht


Es taugt die Bitte

dass bei Sonnenaufgang die Taube

den Zweig vom Ölbaum bringe

dass die Frucht so bunt wie die Blume sei

dass noch die Blätter der Rose am Boden

eine leuchtende Krone bilden


und dass wir aus der Flut

dass wir aus der Löwengrube

und dem feurigen Ofen

immer versehrter und immer heiler

stets von neuem

zu uns selbst

entlassen werden.


Linie

Seitenanfang