animierte Kreise
Gesellschaft für Philosophische Kultur e.V.

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Philosophie…? – Wissensgeschichte

Überlegungen zur Geschichte der Ordnung des Wissens


Wir leben in einer Zeit, in der wir via Internet mit einer vermeintlich einfachen Suche nach einem Begriff auf ein vermeintlich endlos daliegendes Meer von Wissen zugreifen können, auf eine „Masse von Wissen“, viele meinen sogar auf alles vorhandene Wissen (was definitiv falsch ist). Ich frage mich aber – und vielleicht ist das eine philosophische Frage –, was wissen wir wirklich, kann sich Wissen tatsächlich vermehren oder geht nicht mehr Wissen verloren, wenn neue Erkenntnisse dazu kommen? Wer hat dieses Wissen eigentlich, wer nicht, oder brauchen wir nur noch Kompetenzen, weil uns das Wissen ja v.a. im Internet zu Füßen liegt? Ich nehme an, dass dies irre führende Fragen sind, da Wissen ja nicht wie Sand aufgehäuft oder wie Eis weggelöffelt oder in Pakete gepackt werden kann. Man kann es im Prinzip auch nicht klauen, schenken, sparen oder vergeuden – genau so wenig wie Zeit. 1


Damit Wissen zu Wissen werden und für die Menschen eine Bedeutung haben kann – so meine These – haben Menschen immer Ordnungssysteme für Wissen geschaffen, denn Ordnung schafft Bedeutung, allerdings eine bestimmte Bedeutung, wie ein Zitat aus Siri Hustvedts Roman „What I Loved“ auf den Punkt bringt: Sie verweist in diesem Roman, dessen Ich-Erzähler den Verlust seines tödlich verunglückten Sohnes und seiner Frau, die ihn verließ, zu verarbeiten sucht, auf die veränderte Bedeutung von Erinnerungsgegenständen, wenn man sie unterschiedlich anordnet: „Each thing was a bone that signified absence, and I took pleasure in arranging these fragments according to different principles. Chronology provided one logic, but even this could change, depending on how I read each object. (…) Their meanings depended on their placement, what I thought of as a mobile syntax.” 2


Durch Neuordnung und Neuarrangament verändert sich also Wirklichkeit aus der Sicht der Betrachterin oder des Betrachters (eine andere Wirklichkeit gibt es auch nicht). Der Historiker Jakob Vogel schreibt etwa (2004): „Inhalte, Formen und soziale Reichweite des Wissens sind nach diesem Verständnis immer Teil von komplexen Macht- und Aushandlungsprozessen, deren Zusammenspiel stets im konkreten historischen Fall zu bestimmen ist.“3 Der französische Philosoph Michel Foucault fragt auch nach den Ordnungsschemata des Wissens, nach dem „Gesetz dessen, was gesagt werden kann“, dem „System der Formation und der Transformation der Aussagen“.4 An anderer Stelle schreibt er: „Infolgedessen ordnen sich die historischen Beschreibungen notwendig nach der Aktualität des Wissens, vervielfachen sie sich mit seinen Transformationen und hören ihrerseits nicht auf, mit sich selbst zu brechen“.5


Folglich haben wir es auf zwei unterschiedlichen Ebenen mit Geschichte, besser mit Geschichtsbetrachtung zu tun: Erstens erfahren wir je nach dem, wie, also nach welcher Ordnung, Epocheneinteilung, Systematisierung, aus wessen Perspektive usw. Historisches betrachtet, gelesen, erzählt wird. Es gibt also zu keiner historischen Erfahrung oder zu keinem Ereignis der Vergangenheit nur eine Art der Einordnung oder Erzählung.


Zweitens verändert sich Wissen und v.a. die Wissensordnung je nach historischer Situation, also im Wandel der Gesellschaft und des Denkens. Der Historiker Peter Burke zeigt dies in seinem Vortrag „Um 1808: Neuordnung der Wissensarten“ in der Akademie der Künste München im Rahmen der Schelling-Lesungen (benannt nach dem Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775-1854)) – wie ich finde – ganz wunderbar an den Veränderungen seit der Französischen Revolution und im frühen 19. Jahrhundert. Bekanntermaßen wird die Zeit von etwa 1750 bis 1850 als die Sattelzeit des Bürgertums, der bürgerlichen Gesellschaft bezeichnet. Burke sagt darüber hinaus, es war auch die „‘Sattelzeit‘ in der europäischen Ideengeschichte“. Seiner Meinung nach trug die Französische Revolution dazu bei, „eine ganze Generation zu prägen und eine neue Geisteshaltung zu schaffen“.6 Unter dem Eindruck der „napoleonischen Invasion“ ‚entdeckte‘ man v.a. in Italien und Deutschland die „Nation“. Dafür kann man zahlreiche Indikatoren nennen, so auch die Veränderung in der Geschichtsschreibung, der Historiographie von der Universalgeschichte zur Nationalgeschichte.7 Während man im 18. Jahrhundert die großen Enzyklopädien ins Leben rief, die in mehreren Bänden die Welt erfassen sollten, war der Nationalstaat im 19. Jahrhundert die wesentliche Kategorie der Historiker.


Weitere Zeichen diesen Wandels, der Neuordnung des Wissens um 1808 erkennt Burke an neuen „‚Grundbegriffen‘…, die in dieser Zeit aufkamen“ und einen Paradigmenwechsel anzeigen. Insbesondere die Begriffe ‚organisch‘ und ‚Organismus‘ treten dabei hervor. Die Welt und das Wissen wurden als Organismus gesehen und beschrieben, etwa in dem Buch ‚Der Organismus menschlicher Wissenschaft‘ von dem Anatomen Karl Friedrich Burdach, so Burke. Ein Organismus wächst. Und so verwundert es nicht, dass die Idee von „Entwicklung“ virulent wurde. Man interessierte sich für die ‚Entwicklung‘ etwa von „Gedanken und Kultur“. Viele von Ihnen erinnern sich vielleicht, welche Epoche machende Bedeutung Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795-1796)“ hatte: Die Entwicklung eines Menschen wurde interessant und untersuchenswert.8 Man interessierte sich, so Burke weiter, für den „Werdegang, Werdegesetz, Werdezeit und Werdeprozess“ – Begriffe, „die allesamt Prägungen des 19. Jahrhunderts sind“.9 Es wurden Analogien von biologischen Prozessen und menschlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen gezogen – so etwa auch in Archiven, dazu aber später mehr. Die Geschichtsschreibung fokussierte sich auf Entwicklungen – nicht selten ohne vorbestimmten Teleos.


Burke schreibt: „So wie Napoleon um 1800 die Landkarten Europas neu entwarf, entwarfen die Gelehrten auch die Karte des Wissens neu. Diese Neugestaltung weist insofern einen institutionellen Aspekt auf, als sie unter anderem die Reformen der Schulen und Universitäten durch Wilhelm von Humboldt in Preußen und Friedrich Niethammer in Bayern ebenso wie die Entstehung von Forschungsseminaren, Laboratorien und dem Doktorgrad für Philosophie beinhaltet.10 Bekannt ist wahrscheinlich auch, dass um 1800 „die Zeit interdisziplinärer Wissenschaft ihrem Ende entgegen [ging] und … ein Zeitalter der Spezialisierung“ einsetzte. Burke weiter: „Es wurde schwieriger, die Wissensgebiete zu verknüpfen und selbst das Streben danach galt nicht länger als schicklich.11 Während es enorme Fortschritte in den verschiedenen Gebieten der Wissenschaften gab, wurde es „immer schwieriger…, das große Ganze zu überblicken. Auf institutioneller Ebene war das 19. Jahrhundert eine Zeit der Schaffung und Benennung neuer Wissensgebiete, der Gründung neuer Lehrstühle, der ‚Unterteilung‘ der Universitäten in mehr und mehr fachspezifische Institute.12 Burke weiter: „Die Neuordnung umfasste ebenfalls die Gründung und Neuordnung von Bibliotheken und anderen ‚Wissenseinrichtungen‘ wie Archiven und Museen.“ Und so wurden um 1800 zahlreiche große Museen und Bibliotheken eingerichtet, berühmt ist z.B. der Louvre.13 Leider geht Burke nicht weiter auf die Einrichtung von staatlichen, öffentlichen Archiven und deren innerer Neuordnung der Dokumente ein, die nun für die neu ausgerichtete Geschichtsschreibung basale Bedeutung erhielten. Im Zuge der Verwaltungsreformen und vor dem Hintergrund der neuen Nationalgeschichtsschreibung erlangten Archive als Orte der Forschung eine ganz andere Relevanz als vorher, als sie lediglich der Herrschafts- und Rechtssicherung galten.


Also: Spazieren wir durch Museen, recherchieren in Bibliotheken und Archiven oder lesen wir, dann präsentiert sich uns dort niemals die Kultur und die Geschichte in einer wie auch immer gearteten Reinform, sondern immer in einer bestimmten Auswahl von Erkenntnissen, angeordnet nach bestimmten Ordnungsprinzipien und Systematiken, die alleine uns schon etwas erzählen. Ich möchte dies am Beispiel der Ordnung im Archiv verdeutlichen: Die Unterlagen in einem staatlichen Archiv stammen zum größten Teil aus staatlichen Behörden und Gerichten. Bis zu der Zeit um 1800 ordnete man sie – gemäß der Systematik der Enzyklopädien – nach Sachgebieten (Pertinenz). Für die Forschenden mag dies dem ersten Anschein nach das beste Ordnungsprinzip sein, da man schließlich nach den jeweils interessanten Themen recherchieren kann. Tatsächlich aber wuchs nicht nur die Menge der Unterlagen, sondern auch die Anzahl der Sachgebiete. Es wurde schlicht unübersichtlich und die Unterlagen wurden nicht mehr händelbar – ähnlich den oben erwähnten Wissensgebieten. Warum man dann aber in der Archivwissenschaft das Ordnungsprinzip änderte, kann nicht nur auf diese Tatsache zurück geführt werden, hat nicht nur pragmatische Gründe. Parallel zum gleichzeitig entstehenden Interesse an der Nationalstaats-, also Staatsgeschichtsschreibung, deren Verfasser auf Unterlagen der Archive zurückgriffen, wurden die neuen Unterlagen und Dokumente in den Archiven nach ihrer Herkunft geordnet. D.h., die Unterlagen wurden zu Beständen aus den einzelnen Behörden des Staates formiert, so dass die Struktur der formierten Unterlagen, deren Kategorisierung und Ordnung die staatliche Verwaltung spiegeln. Z.B. befinden sich die vom Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe in Detmold14 übernommenen Akten der Staatsanwaltschaft Detmold im Bestand Staatsanwaltschaft Detmold und sind darin nach der Organisation der Staatsanwaltschaft gegliedert. Archivarinnen und Archivare nennen diese Struktur der Bestände in einem Archiv interessanterweise „Tektonik“ – ein Begriff aus der Geologie, also aus der Naturwissenschaft. Diese in der Regel nicht reflektierte Bezeichnung erinnert doch sehr an die oben zitierte Vorstellung von der Organik, dem Organischem und dem angenommenen Organismus von Wissen.


Auch wenn man sich nun nicht speziell für Archive interessiert, so ist es für mich – als Archivarin – ein wunderbares Beispiel dafür, dass vorgefundene Wissensordnungen immer von Menschen geschaffen werden und wurden, in einer bestimmten Zeit spezifische Bedeutungen hatten und uns – unabhängig vom Wissen selbst – etwas erzählen, so auch Gregor Kanitz und Ulfert Tschirner, die über jüngere Forschungen zur Geschichte des Archivwesens reflektieren: „Historisches Wissen ist niemals unvermittelt, sondern immer Resultat einer komplexen Gemengelage verschiedener Praktiken. Wie alle wissenschaftlichen Erkenntnisse auf konkreten zeitlichen und räumlichen Situationen beruhen, die diese Erkenntnisse in Konstellationen von Materialien, Akteuren, Instrumenten, Begriffen, Notationssystemen, Datenbanken allererst hervorbringen, wird auch historisches Wissen durch regelgeleitete Umgangsweisen mit vorhandenem Material und Instrumenten an konkreten Orten fabriziert.15


Dies gilt nicht nur für historisches Wissen, sondern auch etwa für das Wissen in Lehrplänen und für Studienordnungen sowie für das Wissen, wie es sich uns im Internet präsentiert, das wir uns mit Suchmaschinen zu erschließen suchen. Die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz geht in ihrem aktuellen Buch „Die stille Revolution: Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen“ (Suhrkamp) der Frage nach, wie im Internet Wissen strukturiert und geordnet wird. Sie schreibt: „Automatisches Katalogisieren war der nächste entscheidende Schritt in der Geschichte der Digitalisierung, und unter den automatischen Suchmaschinen im Internet hat Google diese Aufgabe als erste gelöst. (…) Google bewertet einzelne Webseiten nicht länger nur durch die Analyse ihres Inhaltes und danach, wie oft die Seite aufgerufen wurde, die Suchmaschine bewertet auch die Links, die auf diese Seite führen. (…) Der Such-Algorithmus simuliert quasi die menschliche Orientierung …“. „Heute indexieren also nicht mehr Enzyklopädisten, sondern Suchmaschinen unsere Welt. (…) Ihre Ergebnisse präsentieren sie uns nun nicht mehr als kanonische Fakten, sondern in Form einer Liste. (…) Wissen wird nach neuen und anderen Regeln evaluiert. (…) Nicht, dass die alte Ordnung der Organisation und Bewertung von institutionellem Wissen damit einfach verschwinden würde. Beide Konzeptionen von Wahrheit treten nun nebeneinander.“16 Allerdings – und da möchte ich einen anderen Akzent als Bunz setzen – auch Suchmaschinen sind von Menschen gemacht und programmiert, auch wenn sie sich eher verselbständigen als Lexikawerke der alten Art.


Mit meinen Überlegungen möchte ich zum Nachdenken über vorgefundene Wissensordnungen, Systematiken, Ordnungsprinzipien und Kanonisierungen anregen – vielleicht ist das nicht nur ein medienwissenschaftliches und historisches, sondern auch ein philosophisches Thema.17


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1 Vgl. zu „Zeit“ Olaf Georg Klein, Zeit als Lebenskunst, Berlin 2007.

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2 Siri Hustvedt, What I loved, London 2003, 191f.

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3 Jakob Vogel, Von der Wissenschafts- zur Wissensgeschichte. Für eine Historisierung der ‚Wissensgesellschaft‘, in: Geschichte und Gesellschaft, 30 (2004), 639-660.

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4 Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 8. Aufl. 1997, 187f.

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5 Foucault, Archäologie des Wissens, 12.

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6 Peter Burke, Circa 1808. Restructering Knowledges / Um 1808: Neuordnung der Wissensarten, hg. Von María Isabel Peña Aguado, München/Berln 2008, 19.

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7 Burke, Circa 1808, 21.

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8 Burke, Circa 1808, 23.

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9 Burke, Circa 1808, 23.

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10 Burke, 27.

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11 Burke, 29.

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12 Burke, 31.

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13 Burke, 27.

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14 S. www.lav.nrw.de

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15 Gregor Kanitz / Ulfert Tschirner, Archiv / Brüche. Ein Review-Essay, in: Philipp Müller (Hg.), Vom Archiv. Erfassen, Ordnen, Zeigen, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 18 (2007), H. 2, 145-158, hier 145.

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16 Mercedes Bunz, Erstbesteigung der Datenberge. Algorithmen ordnen die Datenfluten, doch nur der Mensch kann sie bewerten, in: Süddeutsche Zeitung am 20./21.10.2012, Nr. 243, 16.

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17 Bisher zu diesem Thema von mir veröffentlicht: Bettina Joergens, Familie, Zeit und Ordnung. Genealogie historisch betrachtet, in: dies. (Hg.), Biografie, Genealogie und Archive gemeinsam im digitalen Zeitalter. Detmolder Sommergespräche 2006 und 2007, Insingen 2009; dies., Geraubt, zerrissen, verfilmt, zerstört. Genealogische Daten der jüdischen Bevölkerung Westfalens und Lippes im Detmolder Personenstandsarchiv, in: dies. (Hg.), Jüdische Genealogie im Archiv, in der Forschung und digital. Quellenkunde und Erinnerung (Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 41), Essen 2011, 87-98; dies., Ordnung im Archiv! – Welche Ordnung? Zur Historisierung archivischer Ordnungsystematiken am Beispiel einer Sammlung von Dokumenten aus jüdischen Gemeinden im Landesarchiv NRW, in: Hellfaier, Detlev / Treude, Elke (Hg.), Museum, Region, Forschung. Festschrift für Rainer Springhorn, Detmold 2011, 39-49.

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