animierte Kreise
Gesellschaft für Philosophische Kultur e.V.

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Philosophie - Sprache – Literatur


Wie sieht unser Verhältnis zur Sprache aus? Wo befinden wir uns mit unseren Ansichten über Sprache in Bezug auf die gängigen Theorien? Um auf diese Fragen einzugehen stelle ich einen groben Überblick über die Sprachtheorien vor, welche in der Philosophie und Sprachwissenschaft als bedeutend eingestuft werden. Lange Zeit herrschte die Vorstellung, dass Sprache nur etwas sei, womit wir uns verständigen und mit deren Hilfe wir auf die Umwelt einwirken. Wir Menschen haben Gedanken. Um diese anderen Menschen mitteilen zu können, kleiden wir die Gedanken in Worte. Der Hörer kann dann diesen Vorgang wieder umkehren. Der Sprache wird in diesem Modell eine den Gedanken – also dem Geist – nachgelagerte, instrumentelle Rolle zugewiesen. Sprache als Mittel zum Zweck. Sie wird auch als Bekleidungstheorie bezeichnet.


Zwei Beispiele:

John Locke schrieb um 1690: „Gott bestimmte den Menschen zu einem geselligen Wesen. Er gab ihm nicht nur eine Neigung, ja Notwendigkeit, mit seines Gleichen zu verkehren, sondern versah ihn auch mit einer Sprache, welche das große Werkzeug und gemeinsame Band der Gesellschaft werden sollte. Deswegen hat der Mensch so eingerichtete Organe, dass er artikulierte Laute bilden kann, die Worte heißen. Doch reicht dies zur Sprache nicht aus, denn auch Papageien und anderen Vögeln kann das Bilden von artikulierten Lauten angelernt werden, obgleich sie auf keine Weise der Sprache fähig sind. Es war also zudem noch die Fähigkeit erforderlich, die Laute als Zeichen innerer Auffassungen zu gebrauchen und sie zu Zeichen von Vorstellungen zu machen, sodass sie für die Anderen erkennbar würden und die Menschen ihre Gedanken einander mitteilen konnten.“


Auch Søren Kierkegaard lebte in dieser gedanklichen Welt, als er folgenden humorvollen Satz äußerte:

„Die Menschen scheinen die Sprache nicht empfangen zu haben, um die Gedanken zu verbergen, sondern um zu verbergen, dass sie keine Gedanken haben.“

Das 20. Jahrhundert brachte eine Wende und gilt als das Jahrhundert der Sprachphilosophie. Mehr und mehr kamen Zweifel an der Richtigkeit der alten Überzeugungen. Dies führte bis zu dem Punkt, an dem das alte Modell fast auf den Kopf gestellt wurde. Der englische Philosoph Michael Dummett schrieb in den 70er Jahren: „Wir haben uns stets dagegen gewandt, die Behauptung als den Ausdruck eines inneren Urteilsakts aufzufassen; vielmehr ist das Urteil die Verinnerlichung des äußeren Akts des Behauptens." Diese Auffassung stellt die Sprache als grundlegend dar. Auf ihrer Grundlage kann dann zu den mentalen Akten – den Gedanken – vorangeschritten werden.

Mittlerweile haben sich diese beiden Positionen eingepegelt, die Wogen haben sich geglättet und wir sind in der Gegenwart angekommen. Beide Theorien gehen in die Auffassung Donald Davidsons ein. Er war amerikanischer Philosoph und schrieb in den 80er Jahren: „Weder die Sprache noch das Denken lassen sich vollständig im Sinne des jeweils anderen erklären, und keinem von beiden kommt eine begriffliche Vormachtstellung zu.“

Das 20. Jahrhundert brachte eine breite Hinwendung zur Sprache mit sich. In der Linguistik und in der Sprachphilosophie, aber auch in der Literatur, insbesondere in der Lyrik schob sich die Sprache in das Blickfeld. Soweit der allgemeine Teil der Theorien.


Die folgenden Auffassungen sind eigene. Ich erwähne dies nicht, um etwas herauszustellen, sondern deshalb, weil eigene Gedanken meistens wackliger und anfälliger gegen Argumente sind. Nach der sehr knappen Skizzierung von unseren Auffassungen über Sprache möchte ich nun vor diesem Hintergrund übergehen zu dem Sprachgebrauch in der Lyrik, möchte den Sprachgebrauch, den wir alle in unserem Alltag benutzen, mit dem Sprachgebrauch in der Literatur, genauer gesagt in der Lyrik, kontrastieren.


Im Alltag gebrauchen wir Begriffe. Begriffe sind im Unterschied zu Wörtern Bezugspunkte, auf die eine Gemeinschaft sich bezieht. Es ist sehr wichtig, dass diese Bezugspunkte möglichst gleich sind, sonst droht die Gesellschaft zu zerfallen. Die einzelnen Teilnehmer einer Gesellschaft sind daher bestrebt, dass die anderen für ihr Verwenden der Begriffe einstehen und dass auch sie selbst dies ebenfalls tun.

Im Bereich der Lyrik ist dies etwas anders. Die Lyrik kann Inseln hervorbringen. Inseln, die als Gedichte vom Festland der Alltagssprache und anderen Fachsprachen losgelöst werden. Sie schneidet das Band für das Einstehen zum Begrifflichen ab. Sie bietet Neuland an, in dem neue Zusammenhänge, Möglichkeiten sich eröffnen. Einiges davon wird aus diesem Neuland in das Festland des Begrifflichen getragen und geht in unsere Alltagssprache über, wird zu Begrifflichem oder zu anderen festen Bestandteilen der Alltagssprache. Manches keimt nicht auf. Diese Art der Lyrik lebt am Rande der Sprache. Landkarten oder Wörterbücher der Alltagssprache nützen hier oft wenig. Deuten wäre hier dann der Versuch, den eigenen Standpunkt in diesem Neuland zu verorten. Sich seine eigene Karte zu zeichnen. Deuten heißt hier: Seine eigenen Möglichkeiten zum Ausdruck zu bringen. In unserer Alltagssprache gilt: Das Begreifen eines Begriffs zeigt sich im Beherrschen des Gebrauchs eines Wortes. So könnte entsprechend in der Lyrik gelten: Sie ist ein Angebot, eine in sich stimmige Welt zu erahnen oder neu zu denken.


Zum Schluss zwei sehr kurze Passagen. Die erste aus Rainer Maria Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Die zweite aus dem Gedichtband „Uigur!“ des finnischen Lyrikers Jorma Eronen, sehr einfühlsam übersetzt von Dorothea Grünzweig. Beide Texte zeichnen sich durch den intensiven Blick auf Sprache aus und die grundlegenden Auswirkungen für uns, wenn Veränderungen im Verhältnis Ich – Sprache auftreten.


„Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen. Aber es wird ein Tag kommen, da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben heißen werde, wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine. Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen. Bei aller Furcht bin ich schließlich doch wie einer, der vor etwas Großem steht, und ich erinnere mich, daß es früher oft ähnlich in mir war, eh ich zu schreiben begann. Aber diesmal werde ich geschrieben werden. Ich bin der Eindruck, der sich verwandeln wird.“ (R.M. Rilke)


Ich vergaß meine Sprache wie ich mich erinnere

meine Sprache und ich falle auseinander falle auseinander

und niemand nimmt mich auf

niemand hört mich an hält mich fest

wenn ich komme weine hört mich niemand an

ich bin verirrt jetzt bin ich ein verirrtes Tier

vom Himmel keine Antwort der Himmel in Flammen

weiß nicht was man von ihm bittet weiß nicht

was man ihm nicht erzählt es gibt keine Erzählung

keinen Erzähler keinen Himmel

nichts... (Jorma Eronen)



Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand, 3. Buch, Über die Worte


Kierkegaard,Søren: ihm zugeschriebenes Zitat


Dummett, Michael: Frege`s Philosophy of Language, New York 1973, S. 362


Davidson, Donald: „Thought and Talk“, in: Inquiries into Interpretation, New York 1984, S. 156


Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnung des Malte Laurids Brigge, Her.: Rilke-Archiv 1982, S. 47


Eronen, Jorma: Zwischen den Zeilen, übersetzt von Dorothea Grünzweig, Band 17, S. 13


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